Forschung

SNF-Projekt: "Barbarisch": Geschichte eines europäischen Grundbegriffs

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Max Ernst: "The Barbarians", 1937 (Metropolitan Museum of Art, New York)

"Barbarisch": Geschichte eines europäischen Grundbegriffs und seiner literarischen Reflexion vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

" Barbarism": History of a Fundamental European Concept and Its Literary Manifestations from the 18th Century to the Present

„Barbarisch“ ist ein Begriff, der abendländisch-westliches Selbstverständnis mitbegründet hat und zur tendenziell globalen Durchsetzung dieses Selbstverständnisses verwendet worden ist und wird. Zwar ist die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Nomens und Adjektivs bárbaros – „unverständlich sprechend“ und „fremdsprachig“, ferner „nichtgriechisch“, „fremd“ – in den neueren Sprachen verblasst. Bis heute hat der Begriff aber die im klassischen Griechenland des 5. Jh.s v. Chr. aufkommenden ethnozentrischen Bedeutungen „menschliche und göttliche Ordnung verachtend“, „wild“, „grausam“ und „unfrei“ bewahrt wie auch die zugleich antithetische, ausschließende und ‚asymmetrische‘ (Koselleck) Argumentationsstruktur, die mit seiner Verwendung gegeben ist. In gesellschaftlichen Krisenzeiten kann sich die Funktion des Terminus durchaus umkehren: Die traditionell ausschließende Instanz wird dann zur ausgeschlossenen, und „barbarisch“ bezeichnet das Positive, von dem man sich die Überwindung oder Erneuerung der dekadenten Zivilisation verspricht (so z. B. in den Programmen der literarisch-künstlerischen Avantgarden des frühen 20. Jh.s). Doch im Zuge dieser Um- und Aufwertung des Barbarischen bleibt der Begriff Teil der antithetischen und asymmetrischen Relation, die sich als geschichtlich übertragbar erweist: Sie erhält sich in den aufeinander folgenden und einander überlagernden Begriffspaaren „Hellene vs. Barbar“, „Römer vs. Barbar“, „Christ vs. Heide/Barbar“, „Mensch vs. Unmensch/Barbar“ und auch „(Bildungs-)Bürger vs. Barbar“. Man kann also von einer Kontinuität der Intension des Begriffs bei gleichzeitigem Wandel seiner Extension sprechen. Eine von der Antike bis zur Gegenwart reichende Geschichte des Begriffs gibt es jedoch noch nicht. Vor allem die neuzeitliche Begriffsgeschichte seit dem 18. Jh. ist unzureichend erforscht. Zur Schließung dieser Forschungslücke sollen drei Traditionslinien unterschieden und nachgezeichnet werden: erstens die neuzeitliche ethnographische und historiographische Verwendung des Begriffs und deren theoretische Auswertung, die von der historischen Anthropologie der Aufklärung über die evolutionistische Ethnologie des 19. Jh.s bis zur Kulturtheorie der Gegenwart reicht; zweitens die rhetorische Verwendung des Begriffs, die sich von der neuhumanistischen Gleichsetzung des Barbarischen mit dem Inhumanen bis zur Hochkonjunktur des Begriffs in der gegenwärtigen politischen Rhetorik des ‚clash of civilizations‘ und deren massenmedialer Verbreitung erstreckt; drittens die ‚kontrapunktische‘ (Edward Said) literarisch-künstlerische Reflexion des Begriffs (vor allem durch die Einbeziehung dieser dritten Traditionslinie unterscheidet sich die Methodologie des Projektes deutlich von derjenigen der herkömmlichen Begriffs-, Problem- und Ideengeschichte). Die drei sich berührenden und auch überschneidenden Traditionslinien sind überschaubar, wenn sich ihre Erforschung auf Werke und Dokumente konzentriert, in denen der Begriff „barbarisch“ tatsächlich und in signifikanter Weise verwendet wird. Diese Konzentration wird dadurch erleichtert, dass Begriffsgeschichte und Wortgeschichte des Barbarischen nicht differieren: Die Wörter, die in den neueren Sprachen den Begriff repräsentieren, gehen auf lat. barbarus und grch. bárbaros zurück.

Dauer des Projekts: 1. April 2013 - 31. August 2017

Leitung: Prof. Dr. Markus Winkler (Universität Genf)

Mitgesuchsteller: Prof. Dr. Jens Herlth (Universität Fribourg)