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SNF-Forschungsprojekt:

Luxus und Moderne: Die Ambivalenz des Überflüssigen in Kulturkonzeptionen der Literatur und Ästhetik seit dem 18. Jahrhundert

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Das Projekt untersucht die ebenso fundamentale wie ambivalente Rolle des Luxus für die moderne Konzeption von Kultur seit dem 18. Jahrhundert, indem es literarische und ästhetische (d.i. kunst- / literaturtheoretische) Darstellungen analysiert und mit ökonomischen, philosophischen bzw. anthropologischen und soziologischen Diskussionsbeiträgen vergleicht. Das Luxuriöse fungiert dabei als relative und stets neu auszuhandelnde Kategorie des Überflüssigen, Überschüssigen oder Übermässigen bzw. Nicht-Nützlichen, -Notwendigen oder -Massvollen in materieller, aber auch zeitlicher Dimension.

Nach der Ablösung des Luxus aus dem theologischen Sündenkontext (›luxuria‹) und den damit verbundenen Aufwertungstendenzen um 1700 erfolgt – so die These – eine zentrale (Selbst-)Bestimmung von Kultur im Allgemeinen und Kunst bzw. Literatur im Besonderen über die Relation zum Luxus. Aus dieser Perspektive lässt sich eine ›andere‹ Geschichte der Moderne skizzieren, die nicht als linearer Nobilitierungsprozess erzählt werden kann. Vielmehr soll der konzeptionellen und imaginativen Ambivalenz in den Wertungen von Luxus Rechnung getragen und die zweischneidige Relation (Kultur als Luxus / Kultur gegen Luxus) im Einzelnen beschrieben werden, um zu einem differenzierten Verständnis der Moderne und ihrer widersprüchlichen Selbstbegründung beizutragen.

Mit der deutschsprachigen Literatur und Ästhetik seit dem 18. Jahrhundert wird ein Bereich fokussiert, in dem die grundlegende Beziehung von Kultur und Luxus besonders virulent und zugleich noch wenig untersucht ist. Der komparatistische Einbezug weiterer Sprachen und Kulturen (v.a. der französischen und englischen) und die interdisziplinäre Öffnung auf andere Fächer (namentlich Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Philosophie, Soziologie) versprechen zusätzliche Impulse. Unter dem Aspekt dynamischer Austauschbeziehungen zwischen der Literatur und anderen sozialen Praktiken anstelle klassischer Motiv- und Einflussforschung kann der Beitrag der Literatur zur konzeptionellen und imaginären Produktion von ›Kultur‹ im Allgemeinen wie – selbstreflexiv – zum Verständnis von ›Kunst‹ bzw. ›Literatur‹ spezifiziert werden. Umgekehrt macht das Projekt die Fachkompetenz der Literaturwissenschaft bei der Analyse eines literatur- und kunstaffinen Schlüsselthemas moderner Kultur auch für andere Disziplinen und für die interessierte Öffentlichkeit fruchtbar. Dem bei knapper werdenden Mitteln gegen die Geistes- und Kulturwissenschaften gerne erhobenen Luxusvorwurf begegnet es mit einer Geschichte des modernen Luxus, die einem aktuellen Reflexionsbedarf entspricht.

Das Gesamtprojekt ist nach historischen Schwerpunkten in vier Teilprojekte gegliedert, die sich auf bewusst offene Zeiträume beziehen und heuristisch jeweils eine dominante Entwicklung akzentuieren:

Teilprojekt I (Formierungsphase) fokussiert die ›Sattelzeit‹ um 1800, da sich in den besonders intensiven Diskussionen des Themas ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Verhältnis von Luxus und Kultur in seiner modernen Ambivalenz breitenwirksam formiert. [mehr

Teilprojekt II (Internationalisierungsphase) verfolgt die Transformation des Luxus-Diskurses in den Jahrzehnten um 1850, der sich unter dem Druck der technisch-industriellen Entwicklung in einer kapitalistisch vernetzten Welt internationalisiert. [mehr

Teilprojekt III (Ästhetizismusphase) untersucht die Fortsetzung dieses Universalisierungstrends um 1900, als die allgemeine Kunst- und Lebensreform den ›schönen‹ Luxus zu einem Merkwort für die Literatur des Fin de siècle macht. [mehr

Teilprojekt IV (Reflexionsphase) schliesslich konzentriert sich auf den breit verstandenen Zeitraum um ›1968‹, dessen kultur- und kunsttheoretischen Debatten das Verhältnis der eigenen ›Überflussgesellschaft‹ zum Luxus dezidiert im Rückgriff auf die Geschichte seiner Konzeptionen und Imaginationen reflektiert und problematisiert. [mehr