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Aus
der FTD vom 15.2.2002 |
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Kommentar:
Loser-Firmen haben bei Politikern die bessere Lobby
Von
Thomas Fricke, Berlin
Egal,
ob Gerhard Schr�der oder Edmund Stoiber: Die Regierenden haben einen kuriosen
Hang, gerade jenen Unternehmen zu helfen, die wenig Zukunft haben - ein
Ph�nomen, das sich �konomisch erkl�ren l�sst.
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In
einem Punkt unterscheiden sich Gerhard Schr�der und Edmund Stoiber kaum.
Wenn Unternehmen in Not geraten, helfen Kanzler und Kandidat, wo und wie
sie k�nnen - und sei es mit guten Worten: Ob beim kriselnden Waggonbauer
in Ammendorf oder bei der angeschlagenen Kirch-Gruppe. Oder beim
Stahlkonzern Neue Maxh�tte, den Bayerns Landeschef kr�ftig unterst�tzte.
Warum
aber helfen Politiker Unternehmen wie der Maxh�tte oder Kirch - und nicht
einem der zigtausend anderen Betriebe, die jedes Jahr vor der Pleite
stehen? Und warum haben sie �berhaupt ein solches Herz f�r Verlierer und
f�r Unternehmen ohne Zukunft? Eine
m�gliche Antwort liefern die beiden �konomen Richard Baldwin und Frederic Robert-Nicoud,
die das Problem in einer jetzt ver�ffentlichten Studie neu zu ergr�nden
versuchen*. Das Loser-Paradox ist demnach keineswegs nur ein deutsches
R�tsel. Und die Aufl�sung k�nnte darin liegen, dass Verlierer schlicht die
besseren Lobbyisten sind. Problembranchen
verschwinden ohnehin "Im
Grunde m�sste jede Regierung ein gr��eres Interesse haben,
zukunftstr�chtige Firmen zu f�rdern", schreiben die beiden �konomen. Die
Jobpotenziale sind dort gr��er; umgekehrt k�nnen Subventionen den
Niedergang von Sektoren nach aller Erfahrung gar nicht dauerhaft
aufhalten. Schlechter wegkommen m�ssten Verliererbranchen auch deshalb,
weil profitable Firmen per Definition mehr Geld �brig haben, um Lobbying
betreiben zu k�nnen. Die
Wirklichkeit ist bis auf Ausnahmen dennoch eine andere. In diversen
Studien f�r die USA kam heraus, dass staatliche Schutzmechanismen in jenen
Bereichen am ausgepr�gtesten sind, die am wenigsten wachsen. In
Deutschland gehen mehr als ein Viertel aller sektorspezifischen
Staatshilfen an die Problembranchen Landwirtschaft, Berg- und Schiffbau.
Nun
l�ge die Vermutung nahe, dass Regierungen zum Beispiel zu wenig Weitblick
besitzen, um die Langfristwirkung von Subventionen zu �bersehen. Nur kann
dies allein kaum erkl�ren, warum ein so gro�er Teil der Hilfen einseitig
den Losern zugute kommt. Als
plausibler k�nnte sich die Annahme mancher �konomen erweisen, dass das
Risiko eines Wohlstandsverlusts gesellschaftlich stets h�her gewichtet
wird als die (unsichere) Chance auf k�nftiges Wachstum. Dazu kommt
wom�glich noch jener menschliche Reflex, dass das Schicksal einzelner,
identifizierbarer Personen (auch bei Politikern) eher Betroffenheit
ausl�st als abstrakte und anonyme Werdeg�nge. Beides
spr�che daf�r, dass in der Praxis eher den Verlierern geholfen wird als
jenen (noch nicht bestimmbaren) k�nftigen Gewinnern einer sinnvolleren
Subventionspolitik. Nur haben auch diese Erkl�rungen noch einen Haken: Sie
lie�en offen, "warum nicht alle schrumpfenden Industrien subventioniert
werden", so Baldwin und Robert-Nicoud. Die
beiden Wissenschaftler vermuten, dass die Ursache f�r das Loser-Paradox
weniger im bewussten Bestreben der Politiker liegt als in der Schlagkraft
der jeweiligen Lobbyisten. Der
Eifer unternehmerischer Interessenvertreter steige mit den Chancen darauf,
dass sich die Investition in das Lobbying am Ende rentiere, sagt Baldwin.
In expandierenden Branchen bestehe dabei stets das Risiko, dass andere
Unternehmen in den Markt einsteigen und die Fr�chte der Lobbyarbeit
mitnehmen. Die Rendite auf jenes Geld, das in die Interessenvertretung
investiert werde, tendiere im Extremfall dann gegen null.
Diese
Gefahr sei umso geringer, je h�her f�r neue Konkurrenten die Barrieren f�r
einen Markteintritt ausfallen; und je weniger gleichzeitig die Dynamik der
Nachfrage neue Wettbewerber anziehe. Genau das treffe eben auf typische
Subventionsempf�nger wie Landwirte, Stahl- oder Bergbaubetriebe zu, so
Baldwin. Warum
sich Lobbying f�r Kirch lohnt "Niemand
w�rde eine neue Kohlengrube ausheben, ein Stahlwerk bauen oder eine Farm
gr�nden, nur weil es dort Subventionen gibt", so der �konom. Dagegen
spr�chen allein die hohen und unwiderruflichen Einstiegsinvestitionen
("sunk costs") in diesen Branchen. Umso besser ist f�r die Altbetriebe die
Aussicht, ihre Subventionsgewinne nicht teilen zu m�ssen und den
Lobbyaufwand damit finanziell wieder hereinzubekommen.
Die
These mag noch nicht in jedem Einzelfall erkl�ren, warum welche Subvention
flie�t. Immerhin lie�e sich daraus aber ableiten, weshalb der
Lobbyisteneifer in manchen F�llen gr��er ausf�llt als in anderen - je
nachdem, wie stark die Beg�nstigten vor neuen Konkurrenten am Markt
gesch�tzt sind. Und das scheint in bestechender Weise auch auf die
j�ngsten deutschen Beispiele anwendbar: auf Stoibers Maxh�tte oder auf
Schr�ders Waggonwerk in Ammendorf. In beiden F�llen w�ren die
Anfangskosten f�r Neulinge produktionsbedingt sehr hoch, und die
Aussichten auf dauerhaft hohe Nachfrage sind eher m��ig.
Selbst
der Fall des Medienmoguls Kirch k�nnte in das Schema von Baldwin und
Robert-Nicoud passen: Der Einstieg potenzieller Konkurrenten ins Pay-TV
wird durch hohe Einstiegsbarrieren erschwert. Die mageren Abonnentenzahlen
lassen kaum auf k�nftige Boomzeiten bei der Nachfrage schlie�en.
Die
Verlierer sind die Gewinner - zumindest im Kampf um die Gunst der
Politiker. Und das liegt offenbar nicht so sehr am gro�en Herzen der
Regierenden, sondern vielmehr am mehr oder weniger gro�en Eifer der
Interessenvertreter. Und an der schn�den Frage, ob sich die Investition in
das Lobbying auszahlt. Nur: Vern�nftig sei das Ergebnis deswegen nicht,
sagt Baldwin. "Es w�re besser, die Besch�ftigten der Loser-Betriebe sozial
abzusichern, als verlorenen Branchen zu helfen." * "Entry and Assymetric Lobbying: Why Governments Pick Losers", Richard E. Baldwin, Frederic Robert-Nicoud, NBER Working Paper 8756, Februar 2002; www.nber.org/paper/w8756. |