Prof. honoraires et émérites/Anciens collaborateurs/Anciennes collaboratrices

Band 1

Adamzik, Kirsten (Hg.) 2000: Textsorten. Reflexionen und Analysen. Tübingen: Stauffenburg, 229 S. (Textsorten. 1)

Abstracts

Kirsten Adamzik: Was ist pragmatisch orientierte Textsortenforschung?, 91-112.

Als derzeit prominentester Ansatz pragmatisch gemeinter Textsortenanalyse wird der Rückgriff auf sprechakttheoretische Kategorien vorgestellt, der allerdings für Untersuchungen wenig geeignet sei, die der historisch-sozialen Gebundenheit dieser konventionalisierten Kommunikationsmuster gerecht werden wollen. An Problemen des sprechakttheoretischen Ansatzes werden im Einzelnen die Illokutionszentriertheit, die Sprecherzentriertheit, die Kategorienarmut (fünf grundlegenden Sprechakttypen) und die Monotypieforderung besprochen. Es folgt eine Diskussion von Dimensionen, um die das Kategorieninventar von Textsortenanalysen erweitert werden sollte. Dabei kommen folgende Gesichtspunkte zur Sprache: Multiple Sinnzuschreibungen (die Zuordnung einer Textsorte zu einem Funktionstyp stellt eine Sinnzuschreibung dar, die aus unterschiedlichen Perspektiven vorgenommen werden kann); Geltungsmodus (vgl. das Abstract zu Klein), Diskursrahmen und Vernetztheit von Textsorten.

 

Jannis K. Androutsopoulos: Die Textsorte Flyer, 173-211.

Auf der Grundlage eines Korpus von ca. 800 Flyern (Handzettel, die für Tanzveranstaltungen innerhalb der Club- und Ravekultur werben) aus acht Ländern rekonstruiert dieser Aufsatz die prototypischen Ausgestaltungen dieser jugendkulturellen Textsorte. Dabei stehen zwei Gesichtspunkte im Vordergrund. Einerseits geht es dem Autor darum, seine semiotisch-linguistische Analyse der Textsorte einzubetten in eine ethnografisch orientierte Beschreibung der soziokulturellen Netzwerke, in denen Flyer als Kommunikationsform genutzt werden. Andererseits wird die essentielle Bimedialität der Textsorte hervorgehoben und der visuelle Kode detailliert besprochen und mit Abbildungen illustriert.

 

Helmut Ebert: Werbeanzeigen als duomediale Darstellungsformen und als duomediale Texte, 213-220.

In diesem Beitrag geht es vor allem darum, im Blick auf eine Öffnung des Textbegriffs für duo- und multimediale Formen die Bedeutung des Visuellen in der Werbung hervorzuheben. Der Autor stellt die Ergebnisse einer Literatursichtung zum Thema vor und kommt zu dem Schluss, dass die Beziehungen zwischen Sprache und Bild in Werbetexten teilweise widersprüchlich eingeschätzt und insgesamt nicht hinreichend beachtet werden. Nach einer kurzen Zusammenfassung der Leistungen von Bild und Sprache wird der semantische und kommunikative Mehrwert von Sprach-Bild-Texten anhand von Beispielen erläutert.

 

Roger Gaberell: Probleme einer deutschen Textsortengeschichte – die „Anfänge", 153-172.

In zehn Problempunkten werden die Schwierigkeiten, die sich bei einer textsortenspezifischen Analyse althochdeutscher Texte ergeben, zusammengefasst. Dabei zeigt sich, wie eng Probleme, die sich aus der Quellenspezifik ergeben, und solche, die auf theoretisch-methodische Voraussetzungen zurückgehen, zusammenhängen. So erweisen sich etwa Forderungen nach monotypischen Klassifikationen nicht nur aufgrund fehlender historischer Kenntnisse, sondern angesichts der Multifunktionalität und Interkulturalität mittelalterlicher Texte auch theoretisch als kaum angemessen. Die Überlegungen werden in zwei Übersichten über relevante Kategorien des Textsortenwandels schematisiert.

 

Anne Grobet/Laurent Filliettaz:Die Heterogenität der Texte: Einige Fragen, 77-90.

Die Autoren diskutieren Probleme der Texttypenanalyse, wie sie im Rahmen des im französischen Sprachraum vorherrschenden Modells entwickelt worden sind, das eine kleine Anzahl von Texttypen (narrativ, besprechend usw.) vorrangig aufgrund textinterner Merkmale (vor allem Tempusformen) unterscheidet und davon ausgeht, dass die Vielzahl von Textsorten, die sozio-historisch konventionalisierte Gebrauchsformen darstellen, nicht ohne Rückgriff auf außersprachliche Kriterien beschrieben werden kann. Im Vordergrund steht der Ansatz von E. Roulet (1991), der die Texttypen als miteinander kombinierbare Sequenzen begreift und damit der faktischen Heterogenität von Texten gerecht zu werden versucht. Die Autoren zeigen am Beispiel einer Fabel, dass dieser Ansatz insofern nicht ausreicht, als die Realisation der Texttypen vom Kotext (der hierarchischen Struktur der Sequenzen) und von der Textsorte abhängt, und plädieren für ein umfassender angelegtes Analysemodell.

 

Wolfgang Heinemann: Textsorten. Zur Diskussion um Basisklassen des Kommunizierens. Rückschau und Ausblick, 9-29.

Ziel des Beitrags ist es, eine Übersicht über den Diskussionsstand in der Textsortenforschung zu geben und dabei zunächst konsensuelle Punkte festzuhalten. Diese situiert der Autor vor allem in Ansätzen zu integrativen Konzepten, wie sie Mehr-Ebenen-Modelle darstellen. Im Weiteren werden offene Fragen diskutiert und Vorschläge zu deren Lösung unterbreitet (Anzahl der zu berücksichtigenden Ebenen, hierarchische Abstufung, Differenzierungskriterien). Diskutiert wird weiter das Verhältnis von Textmuster (idealtypische kognitive Schemata) und Textsorte (virtuelle Textklasse auf niederer Abstraktionsstufe). Im Anschluss an das Plädoyer für eine komplexe Sicht auf das Phänomen Textsorten werden einige Desiderata formuliert (Normiertheit und Gestaltungsspielraum von Textsorten; geregelte Abfolge zwischen Textsorten in interaktionalen Feldern; konfrontative Untersuchungen).

 

Ernest W. B. Hess-Lüttich: Textsorten alltäglicher Gespräche. Kritische Überlegungen zur Dialogtypologie, 129-152.

Ausgehend von der Frage, inwieweit Gesprochenes überhaupt als Text aufzufassen ist und alltägliche Gespräche sauber abgrenzbaren Sorten zugeordnet werden können, wird zunächst die Entwicklung der Diskussion um die Kategorien Text und Textsorte nachgezeichnet. Der darauf folgende Überblick über Untersuchungen zur gesprochenen Sprache hebt hervor, dass nur selten explizit vergleichend geschriebene und gesprochene Kommunikationsformen und der jeweilige Einfluss der Kommunikationsdomänen, innerhalb derer funktional verwandte Text-/Gesprächssorten produziert werden, untersucht worden sind. Das abschließende Kapitel zur Dialogtypologie setzt bei der kritischen Diskussion der Übersicht von Hundsnurscher (1994) an und verwirft eine Typologie, die sich auf die Zuordnung von authentischen Gesprächen zu die empirische Vielfalt übergehenden Idealtypen beschränkt. Demgegenüber wird vorgeschlagen, die Analyse im Sinne eines offenen und flexiblen Netzwerks von Dialogsorten zu konzipieren.

 

Josef Klein: Intertextualität, Geltungsmodus, Texthandlungsmuster. Drei vernachlässigte Kategorien der Textsortenforschung – exemplifiziert an politischen und medialen Textsorten, 31-44.

Unter handlungstheoretischen Gesichtspunkten schlägt der Verfasser vor, die bislang verwendeten Kriterien der Textsortenbeschreibung und -klassifikation zu ergänzen. Dabei soll die Kategorie Textsorten-Intertextualität die funktionale Vernetzung zwischen Textsorten erfassen wie systematisch mit einer Textsorte verbundene Vor-, Parallel- und Nachtexte (exemplifiziert am Beispiel der Soap-Opera mit Textsorten wie Programmnotiz, Werbespot, TV-Kritik usw.). Der Geltungsmodus betrifft die Bindekraft von Texten (z.B. wird die Bindekraft von Wahlkampftexten von den Rezipienten prinzipiell als unsicher eingestuft). Die Kategorie des Texthandlungsmusters dient dazu, pragmatisch polyvalente und/oder mehrfachadressierte Textsorten (wie etwa Infotainment-Sendungen oder Politikeransprachen) zu beschreiben. Abschließend erfolgt eine Kurzbeschreibung der Textsorte Verfassung, in der neben geläufigen Kriterien auch die hier neu eingeführten benutzt werden.

 

Wolf-Dieter Krause: Text, Textsorte, Textvergleich, 45-76.

Dem Verfasser geht es um theoretisch-methodische Grundlagen des interlingualen Textvergleichs. Dabei wird im Gegensatz zu anderen Autoren aus dem Bereich der konfrontativen Linguistik zunächst hervorgehoben, dass es auch auf der Ebene der Texte systemhafte Strukturen gibt, die Verallgemeinerungen erlauben, und der Frage nachgegangen, was ein „vergleichbarer" gegenüber einem „beliebigen" Text ist. Eine Textsorte versteht der Autor als einzelsprachliche Größe, die allerdings übereinzelsprachliche Komponenten umfassen kann. Als Ansätze interlingualer Textanalyse stellt er das bi- bzw. multilaterale Verfahren, das ein übereinzelsprachliches tertium comparationis voraussetzt, dem meist praktikableren unilateralen Verfahren gegenüber, das ausgehend von den Merkmalen einer Textsorte einer Sprache diejenigen Mittel zu erfassen sucht, die bei vergleichbaren Texten in einer anderen Sprache verwendet werden. An Ebenen des Vergleichs werden anhand von Beispielen die Architektonik (formaler Aufbau), die Komposition (aktionaler und semantischer Gehalt) und formulative Aspekte besprochen, bei denen die Bedeutung von Formulierungsstereotypen hervorgehoben wird. Ein eigener Abschnitt ist den Äquivalenzstufen (Null-, totale und partielle Äquivalenz) gewidmet.

 

Bärbel Techtmeier: Merkmale von Textsorten im Alltagswissen der Sprecher, 113-127.

Nach einer Übersicht über theoretische Konzepte der Textsortenforschung werden jene Ansätze fokussiert, die Textsortenanalyse auch als Kompetenzanalyse betreiben. Anders als bisherige Ansätze, die vor allem auf metasprachliche Äußerungen oder semantische Analysen des Alltagsvokabulars rekurrieren, schlägt Techtmeier systematische Erhebungen durch direkte Befragungen vor. Sie stellt die Ergebnisse einer Befragung von ca. 300 Studenten vor, die für acht geläufige Textsortenkonzepte eine Wörterbuchdefinition liefern und Hauptmerkmale nennen sollten. Zu den wesentlichen Ergebnissen gehört, dass die Probanden typische Eigenschaften zum Teil als Fehlen bestimmter Merkmale formulieren und dass zahlreiche Bewertungen und Kommentare zum praktischen Umgang mit den Textsorten gegeben werden, womit Kriterien ins Spiel kommen, die bei einer Beschreibung von Korpora nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen.