Prof. honoraires et émérites/Anciens collaborateurs/Anciennes collaboratrices

Band 6

Adamzik, Kirsten (Hg.) 2002: Texte. Diskurse. Interaktionsrollen. Analysen zur Kommunikation im öffentlichen Raum. Tübingen: Stauffenburg  VIII, 262 S. (Textsorten. 2)

Abstracts

Kirsten Adamzik: Interaktionsrollen. Die Textwelt und ihre Akteure, 211-255.
In dem Aufsatz geht es um eine Differenzierung der Konzepte Sprecher/Schreiber/ Textproduzent bzw. Hörer/Leser/Textrezipient, die als für die von Warnke gefor­derte „Erweiterung bisheriger Forschungsfelder der Textlinguistik“ bedeutsam angesehen wird, was auch in den übrigen Beiträgen in mehr oder weniger ein­dringlicher Weise zum Ausdruck kommt. Es werden zunächst theoretische Konzepte für eine solche Differenzierung vorgestellt, insbesondere aus dem Bereich der Konversationsanalyse (E. Goffman u.a. mit Kategorien wie Adressat, Mithörer, Lauscher bzw. animator, author, principal) und des Polyphoniekonzepts (O. Du­crot u.a. mit Kategorien wie sujet parlant, locuteur-L, locuteur-l, énonciateur). Anschließend wird ausgehend von den in den Beiträgen dieses Bandes verwende­ten Bezeichnungen für die Interaktanten eine Systematisierung unterschiedlicher Aspekte versucht, unter denen man sich auf die Beteiligten beziehen kann. Unter­schieden werden: Interaktanten als Akteure der illokutionären Rolle, als Funkti­onsträger, Diskursakteure, Individuen, Mitglieder der Sprach-/Kommunikationsgemeinschaft und als Kommunikanten, d.h. konkret an einer Interaktion Beteiligte. Als Spezifikum der Kommunikation im öffentlichen Raum wird die Diskrepanz zwischen intendierten Adressaten und tatsächlichen Rezi­pienten, angestrebten und von Rezipienten/Mediatoren rekonstruierten Interpreta­tionen auf inhaltlicher und funktionaler Ebene sowie partielle und oberflächliche Rezeption hervorgehoben, die eine Übertragung von Verfahren aus der Analyse von Direktkommunikation auf öffentliche Kommunikation als unangemessen erweisen. 


Klaus Brinker: Textsortenbeschreibung auf handlungstheoretischer Grundlage (am Beispiel des Erpresserbriefs), 41-59.
Brinker stellt zunächst sein allgemeines Modell der Text(sorten)beschreibung vor, bei dem er die folgenden Aspekte unterscheidet: situativer (kontextueller) Aspekt, Textfunktion, Textthema und sprachliche Beschreibungsebene. Er exemplifiziert dies dann am Beispiel des Erpresserbriefes: Über die genauen situativen Umstände gibt das (vom BKA anonymisiert zur Verfügung gestellte) Material keinen Auf­schluss; Brinker rechnet Erpresserbriefe „eher dem privaten als dem offiziellen Handlungsbereich“ zu und geht v.a. auf die Selbstdarstellung und Hinweise auf die Beziehung zwischen den Interaktanten ein, die teilweise stilisiert wird (etwa als geschäftsmäßige). In textfunktionaler Hinsicht werden Erpresserbriefe als „spezifi­sche Verbindung von zwei Funktionstypen“ (Drohen und Sanktionsankündigung) charakterisiert. Die thematische Struktur basiert entsprechend auf zwei Themen (Zahlung, Sanktion), die jeweils nach dem deskriptiven Muster entfaltet werden. Ein eigener Abschnitt ist den (bei übereinstimmenden konstitutiven Merkmalen gleichwohl möglichen) Strukturvarianten der Textsorte gewidmet. In dem kurzen Abschnitt zu sprachlich-stilistischen Aspekten geht Brinker v.a. auf die Bedeutung der strategischen Wahl stilistisch markierter Formen ein.


Katja Faulstich: „Es gibt viel Raum diesseits des Rubikon“. Diskursanalytische Untersuchung des Begriffs Leben im Umfeld der 2. Berliner Rede des Bundespräsidenten Johannes Rau, 19-40.
Am Beispiel der Diskussion um die Gentechnologie und insbesondere um die Er­forschung embryonaler menschlicher Stammzellen stellt Faulstich den Ansatz einer diskursanalytischen Untersuchung vor, die der Bedeutungskonstitution von Zen­tralbegriffen im Kontext umfassenderer Argumentationszusammenhänge nachgeht. Grundlage der Untersuchung sind Pressetexte, die Argumentationsmuster in Bezug auf Leben enthalten und inhaltlich im Zusammenhang mit der einflussreichen Rede von Rau stehen. Vorgeschlagen wird ein Mittelweg zwischen rein formal charakte­risierbaren und thematisch präzisierten Argumentationsmustern, der zur Herausar­beitung kontextspezifischer Topoi führt. Im Korpus finden sich einerseits mehrere allgemein verbreitete Topoi, nämlich: Geschichts-Topos (weil die Geschichte lehrt ...), Gesetzes-Topos (weil ein Gesetz vorschreibt ...), Ethik-Topos (weil eine Handlung mit ethischen Prinzipien übereinstimmt ...), Gefahren-Topos (weil eine Handlung gefährliche Folgen hat ...), Nutzen-Topos (weil eine Handlung einen Nutzen bringt), andererseits jeweils ein thematisch spezifischer Topos der Befür­worter und Gegner: Identitäts- bzw. Differenz-Topos (weil der Embryo unter dem Aspekt xy mit menschlichem Leben (nicht) gleichzusetzen ist ...). Das Vorkommen der Topoi wird quantitativ ausgewertet und mit zahlreichen Belegen illustriert.


Wolf-Dieter Krause: Text und Textsorte in der fremdsprachigen Kommunikation, 191-209.
Der Aufsatz behandelt Gemeinsamkeiten und Unterschiede von in der Mutter- bzw. einer Fremdsprache erzeugten Texten und differenziert zunächst unterschied­liche Konstellationen fremdsprachiger Kommunikation (Fremdsprachler mit Mut­tersprachler, Lingua Franca, Tandem-Situation, Unterrichtssituation). Die Gemein­samkeiten sieht Krause v.a. auf der soziolinguistischen Ebene, da es allemal um das Bewältigen kommunikativer Anforderungen in einer bestimmten Kommunika­tionssituation geht. Unterschiede betreffen demgegenüber insbesondere die psy­cholinguistische Ebene, da bei der Kommunikation in der Fremdsprache eine Disproportionalität zwischen Bewusstseinsinhalten und dem Verfügen über Aus­drucksmittel besteht. Die sich daraus ergebenden Abweichungen werden systema­tisiert (Abweichungen von Sprachsystemnormen, stilistischen und sprachlich-kom­mu­­nikativen Normen) und an zwei Beispieltexten exemplifiziert.


Mikaela Petkova-Kessanlis: Antrittsvorlesungen – ein Fall für sich?, 117-170.
Auf der Grundlage eines Textkorpus von 14 (überwiegend im Internet zugängli­chen) Antrittsvorlesungen und einer Fragebogenerhebung geht Petkova-Kessanlis den Spezifika dieser bislang nicht näher untersuchten Textsorte nach. Sie hebt vor allem ihren ,Schnittstellen-Charakter‘ hervor, der mit zahlreichen Beispielen ver­deutlicht wird: Antrittsvorlesungen sind nicht nur bereits in der Primärsituation (des einmaligen Vortrags) mehrfachadressiert, sondern erreichen bei ihrer Veröf­fentlichung nochmals ein ganz anderes Publikum. Sie oszillieren zwischen Münd­lichkeit und Schriftlichkeit, Fachsprachlichkeit und Allgemeinsprachlichkeit und sollen sowohl dem Gebot wissenschaftlicher ,Objektivität‘/Unpersönlichkeit ge­recht werden, als auch die Möglichkeit bieten, den Vortragenden als Individuum ken­nenzulernen. Angesichts dessen (und auch wegen der großen Varianz zwischen den Textexemplaren) problematisiert die Autorin den Versuch einer genaueren typologischen Zuordnung dieses ,Sonderfalls‘, aber auch die mögliche Konse­quenz, vorliegende Klassifikationsansätze gänzlich aufzuweichen.

Valérie Robert: Briefformen in der Presse. Versuch einer situativen und metakommunikativen Klassifizierung, 61-115.
Im Gegensatz zu anderen Studien (zum Offenen Brief), in denen als Grundlage in der Regel isoliert voneinander entstandene Exemplare herangezogen werden, geht es Robert wesentlich darum, verschiedene Texte in ihrer Vernetztheit zu untersu­chen und dabei zugleich Differenzierungskriterien für die Abgrenzung verschiede­ner Textsorten zu erarbeiten (insbesondere Zeitungsartikel, Brief, Offener Brief, Leserbrief). Als Hauptmaterial hat sie zu diesem Zweck 59 Texte zugrunde gelegt, die sich mit der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises an den umstrittenen Historiker E. Nolte und der zu diesem Anlass gehaltenen Laudatio von H. Möller befassen. Eine Differenzierung zwischen diesen Texten ist weder unter Rückgriff auf die (hier appellative) Funktion noch auf das Thema bzw. die thematische Ent­faltung möglich. Eine Abgrenzung wird möglich, wenn folgende Aspekte differen­ziert berücksichtigt werden: Status des Schreibers (der Unterschiede im Formula­tiv-Stilistischen nach sich zieht), Sichtbarwerden des Schreibers (durch ich usw.) und Herstellung des Kontakts zum Rezipienten.Dabei ist einerseits die direkte Ansprache möglich – du, aber auch andere Mittel, die Robert unter dem Sammel­begriff vokativer Modus zusammenfasst –, andererseits aber auch eine indirekte Form, bei der der eigentlich gemeinte Adressat wie ein außerhalb der Kommunika­tion stehendes Wesen behandelt wird – Robert spricht hier vom nicht-personalen Modus. Zusätzlich werden diverse Zwischen- und Spielformen (u.a. die Fingie­rung) besprochen und auf ihre kommunikative Funktion hin untersucht. – Der An­hang enthält 16 Textbeispiele.


Ingo Warnke: Texte in Texten – Poststrukturalistischer Diskursbegriff und Textlinguistik, 1-17.
Der Aufsatz behandelt Grundlagen einer zukünftigen Diskurslinguistik, die sich als Erweiterung bisheriger Forschungsfelder der Textlinguistik begreift. Dabei erfolgt ein Bezug auf die poststrukturalistische Philosophie, insbesondere in der Ausprä­gung Michel Foucaults. Es wird gezeigt, dass die Rezeption des linguistischen Strukturalismus in der Philosophie erfolgt, eine Re-zeption des Poststrukturalismus durch die Sprachwissenschaft jedoch noch zu erwarten ist. Die Diskurslinguistik, die Texte in Texten untersucht, bietet dafür ein geeignetes Feld.


Jakob Wüest: Teiltextsorten und Sprechakthierarchie in Gerichtsurteilen, 171-190.
Wüest untersucht die Tempus- und Modusverteilung, die vielfach als für die Diffe­renzierung von Textsorten geeignete Kriterien behandelt werden, kommt allerdings zu dem Schluss, dass rein quantitative Unter­suchungen selbst dann enttäuschend bleiben, wenn dabei zwischen Teiltexten diffe­renziert wird. Dies wird anhand von deutsch- und französischsprachigen schweizerischen Urteilen der Berufungsinstanz Kas­sationsgericht (mit der Makrostruktur ,Feststellungen‘ und ,Erwägungen‘) gezeigt. Um zu einem differenzierten qualitativen Vorgehen zu gelan­gen, erprobt er eine Analyse, die die illokutiven Rollen der einzelnen Sprechakte bestimmt, kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die dominieren­den Sprechakte bei den Gerichtsurteilen zweideutig sind, insofern die Texte sich an unterschiedliche Adres­saten wenden (deklarativ gegenüber den direkt Beteiligten und assertativ gegen­über einem erweiterten Publikum). Bei den (teilweise fakultativen) untergeordne­ten Sprechakten (v.a. sachverhalts­klärende und argumentative) ist die Varianz noch größer, so dass der Ver­such einer generellen Charakterisierung der Illokuti­onsstruktur von Ge­richtsurteilen nur sehr ober­flächliche Feststellungen erlaubt und für eine differenzierte Beschreibung der ver­wendeten Ausdrucksmittel nicht ausreicht.