Recherche

Projet FNS : Spiegel und Licht

spiegel.jpg Im Projekt geht es um eine Untersuchung der Metaphern «Spiegel» und «Licht», die    in mittelalterlichen Texten häufig zur Darstellung von Erkenntnisprozessen verwendet werden. Da nun sowohl Metaphern als auch Erkenntnisprozesse stark vom Denken mittels Analogie beeinflusst sind, sollen die wechselseitigen Bezüge zwischen beiden Ebenen näher betrachtet werden, um historische Prozesse der Bedeutungsbildung in kognitionspsychologisch-didaktischer Perspektive erfassen zu können. Deshalb wird im Projekt einerseits nach der allgemeinen Bedeutung von Analogien für Verstehen und besonders für das Verständnis von Metaphern gefragt, andererseits aber auch nach der konkreten Einflussnahme der Metaphern auf die Bildung von Bedeutung in Bezug auf das, was mit den Metaphern erklärt werden soll.

Die These lautet entsprechend, dass die jeweilige Semantik der Metaphern die Bedeutungsbildung doppelt und in je spezifischer Weise bestimmt: Denn einerseits beeinflusst die entsprechende Bildlichkeit die Vorstellung von Erkenntnis, und andererseits steuert sie zugleich den von ihr potentiell initiierten Erkenntnisprozess bezüglich der durch die Metaphern markierten Erkenntnisgegenstände. Während die Semantik des Spiegel(-n-)s dabei in der Regel zwei Erkenntnisgegenstände (etwas Spiegelndes und etwas Gespiegeltes) in einen Bezug zueinander setzt, suggeriert die Lichtmetaphorik, die eine unvermittelte Erleuchtung evoziert, lediglich die Evidenz des von ihr Markierten – wenn sie nicht durch eine Semantik des Blendens geradezu in das Gegenteil umschlägt und verdunkelt. Es zeigt sich damit, dass den semantisch differenzierten Metaphern eine zentrale Funktion bei der Bedeutungsbildung zukommt, da in ihnen eine Vorstellung von Erkenntnis ausgedrückt bzw. reflektiert und gleichzeitig mit ihnen Bedeutungsbildung beeinflusst werden kann.

Um nun den Einfluss der Metaphern auf die Bedeutungsbildung untersuchen zu können, soll neben der Semantik das der Metaphorik zugrundeliegende Verfahren der Analogiebildung in einer historisch reflektierten kognitionspsychologischen Perspektive in den Blick genommen werden: Die Analogie ist ja als „Kern des Denkens“ (Hofstadter/Sander 2014) überhaupt für jene Prozesse der Bedeutungsbildung und Konzeptualisierung zentral, in welche die Erkenntnismetaphern „Spiegel“ und „Licht“ eingebunden sind, kann aber als Kern der Metapher zugleich in einer historischen Form konkret an den betrachteten Sprach- und Denkbildern selbst untersucht werden. Vor allem jedoch lässt sich ausgehend von den jeweiligen Semantiken, die wiederum auf analogischer Bedeutungsbildung basieren, die Steuerung von Analogiedenken jenseits der Metaphern beobachten.

In fünf Einzelprojekten soll zunächst anhand volkssprachiger Texte mit im weitesten Sinne didaktischem Anspruch gezeigt werden, wie das vornehmlich lateinisch theoretisierte Verständnis von Erkenntnis in den Volkssprachen reflektiert und (weiter-)vermittelt wird. Vor allem aber geht es darum, jene semantisch gestützten Strategien der volkssprachigen Literatur herauszuarbeiten, durch welche Bedeutungsbildung im Einzelnen gesteuert werden kann. Das scheint insofern vielversprechend, als sich Spuren von Entwicklungstendenzen, Verfestigungs- sowie Auflösungsprozessen semantischer Komplexe und Kategorien besonders eindrücklich an der Schnittstelle zu der neuen Sprachform fassen lassen. Gleichzeitig lassen sich derart Erkenntnisse im Hinblick auf die Funktion der Spiegel- und Lichtmetaphorik für die Bedeutungsbildung bezüglich der markierten Erkenntnisgegenstände gewinnen, aber auch zum Analogiedenken in historischer Perspektive, zu den Organisationsprinzipien der Texte im Hinblick auf Bedeutungsbildung und nicht zuletzt zum komplexen Zusammenspiel von Spiegel- und Lichtmetaphorik.

Teilprojekte:

Teilprojekt A (R. Wetzel, Monographie) konzentriert sich auf (zeitgenössisch oder bisweilen auch durch spätere Zuschreibung) explizit so bezeichnete ‚Spiegel‘, die zumeist dem didaktischen Genre zuzuschreiben sind und die Bereiche des Weltwissens, der Gotteserfahrung und der Introspektion betreffen. Es geht darum, im traditionellen wie im innovativen Einsatz der Spiegelmetapher den hinter den jeweiligen Texten stehenden Begriff von ‚Spiegel‘ bzw. die damit verbundenen Begriffskategorien und kognitiv repräsentierten Konzepte als Formen des Analogiedenkens zu fassen.  [mehr]

Teilprojekt B (R. Gisselbaek, Monographie) verfolgt anhand der Sangspruchdichtung, wie die Konzeption von Erkenntnisgegenständen aufgrund der Lichtmetaphorik die Gegenstände konkreter Vergleichbarkeit entzieht, da in der Lichthaftigkeit lediglich abstrakte Kategorien – wie Wahrheit oder Sein, Güte oder Göttliches – verhandelt werden. Von besonderem Interesse ist dann allerdings der Blick auf jene Analogien, die aufgrund der metaphorisch markierten Lichthaftigkeit neu zwischen den unterschiedlichen Gegenständen entstehen.  [mehr]

Teilprojekt C (M. Pinieri, Dissertation) untersucht französische und deutschsprachige ‚Spiegel‘, die sich dezidiert an junge Mädchen und Frauen richten und geschlechtsspezifische Kategorien im Hinblick auf eine spezifisch weibliche Ethik aufbauen, festigen oder modifizieren wollen, wobei die Strategien der didaktischen Vermittlung interessieren, die als solche der Analogiebildung bei den Rezipientinnen die Entwicklung und Fixierung genderspezifischer Kategorien und Konzepte bezwecken.  [mehr]

Teilprojekt D (J. Felis, Dissertation) soll – durch die Verbindung beider infrage stehender Bildbereiche – anhand der ‚Minneburg’-Dichtung sowohl die steuernde Funktion der Spiegel- als auch die begrenzende Evidenzialisierung der Lichtmetapher in Bezug auf Bedeutungsbildung in den Blick nehmen, da an solchen Stellen der Interferenz die suggerierte Evidenz des Lichthaften im Spiegel konkretisiert wird.  [mehr]

Teilprojekt E (K. Wimmer, Dissertation) stellt den Spiegel und seine Funktionsweise, die Erzeugung der Spiegelung eines Urbildes bzw. Ideals, ins Zentrum einer Betrachtung der höfischen Dichtung, wobei es nicht um das Objekt als solches geht, sondern um seine Umsetzung in Metaphern und Analogien und dies sowohl durch die Verwendung des Spiegels und seines semantischen Wortfeldes als auch durch die Übertragung des Abbildungsvorgangs auf strukturelle Elemente des Textes.  [mehr]

Abbildung :  Charles de Bouelles, [Que hoc volumine continentur: Liber de intellectu. Liber de sensu. Liber de nichilo. Ars oppositorum. Liber de generatione.] Liber de sapiente. [Liber de duodecim numeris. Epistole complures.] Parisiis: Henricus Stephanus 1510. (Auszug)
BSB > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11200452-1 Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf > http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/id/1257157